Lebensmittelverschwendung – der Stand der Dinge in Österreich

Der oder die ein oder andere von euch weiß vielleicht, dass mich das Thema Lebensmittelverschwendung nun schon seit längerem beschäftigt, aus mehreren Gründen.

Lebensmittelverschwendung

– es muss erst schlimm werden, damit etwas passiert

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Zum einen stellt es eine Überproduktion und einen Überkonsum dar, ohne eigentlicher Konsumierung, was unserer Umwelt enormen Schaden zuführt.

Zum anderen beeinflusst es sowie unsere Lebensmittelpreise als auch Wertschätzung für Lebensmittel und es führt zu ungerechter Verteilung. Aber mehr dazu später.

 

Etwa 1/3 der Landwirtschaftsprodukte kommen nie zum Menschen.

Weltweit landen etwa 1/3 aller Lebensmittel auf dem Müll. (FAO)

Außerdem ist das Thema Lebensmittelverschwendung ja in letzter Zeit auch in aller Munde, denn immerhin können wir nicht mehr so weiter agieren, wie wir es jetzt tun und erwarten, dass bei 2050 wir 10 Mrd Menschen ernähren können bei Aufrechterhaltung einer intakten Umwelt (obwohl sie ja jetzt auch schon nicht mehr intakt ist).

Im Moment gibt es folgende Probleme, die weiterführende Folgen haben.

Lebensmittelverschwendung mit Folgen:

Überproduktion – Überkonsum – Preisveränderung – soziale Ungerechtigkeit – Resourcenverbrauch – Umweltbeeinflussung

Lebensmittelverschwendung passiert natürlich nicht nur im eigenem Haushalt. Und es ist auch nicht nur die schimmelige Tomate, die matschige Banane oder die saure Milch in der fast leeren Milchpackung.

Lebensmittelverschwendung passiert in der GESAMTEN Lebensmittelkette, von Erzeugung & Verarbeitung, zu Transport, in der Gestronomie & den Großküchen und schließlich auch im Handel.

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In Österreich werden pro Jahr etwa 756,700 Tonnen an Lebensmitteln verschwendet, wobei davon 491,000 Tonnen vermeidbar sind. (Quelle: WWF; S.5)

Das ist genug um die Kärntner Bevölkerung zu ernähren.

Lebensmittelverschwendung in Österreich

Lebensmittelverschwendung je nach Sektor:

  • 276,000 Tonnen im privaten Haushalt (plus 90,700 Tonnen Biotonne)
  • 175,000 Tonnen Gastronomie & Großküchen (inkl. Spitäler & Pflegeheime, Kaffeehäuse, Beherbergungen)
  • 121,800 Tonnen in der Verarbeitung und Landwirtschaft
  •  74,100 Tonnen im Handel (allein in den 5 Marktführenden Lebensmitteleinzelhandelunternehmen: Rewe International AG [Billa, Merkur], Hofer KG, Spar österr. Warenshandel AG, Pfeiffer Handels GmbH, MPreis Warenvertrieb GmbH)

–> Dies sind Schätzwerte, von vielen Sektoren fehlen genaue Daten  

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Die 5 Marktführenden Lebensmitteleinzelhändler retournieren pro Jahr etwa 35,600 Tonnen Brot & Backwaren an die Lieferanten/Bäcker (Quelle: ECR Austria)

(das ist eine zusätzliche „Verschwendung“ zu der o.g. Zahl.)

question, frage

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Manchmal wundere ich mich, ob Lebensmitteleinzelhändler am Verhindern von Lebensmittelverschwendung wirklich interessiert sind, da die Verschwendung und damit anfallenden Unkosten im Preis einkalkuliert sind oder im Fälle von Brot an die Bäckereien via Rückkauf retourniert werden.

Dies könnte zum Teil auch die erhöhten Lebensmittel-Preise in Österreich erklären.

Immerhin verdient der Lebensmitteleinzelhandel ja weniger, wenn weniger verkauft wird. Und dies ist ja nicht im Business-Interesse der Unternehmen. D.h., Prävention, kauf weniger oder vielleicht weniger volle Regale stehen nicht wirklich im Vordergrund, oder? Man könnte argumentieren:

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Wir haben ein Business Problem und brauchen demzufolge eine Business Lösung

Lebensmittel, die Masse-bezogen, am häufigsten weggeworfen werden (ECR Austria):

  • 28% Obst & Gemüse (Obst 9%; Gemüse 19%)
  • 28% Brot & Backwaren (Brot 16%; Backwaren 12%)
  • 12% Molkereiprodukte, Käse, Eier
  • 11% Frischfleisch, Fisch & Geflügel
  • > 4% Wurst & Geselchtes
  • > 4% Convenience-Produkte

Das inkludiert nicht Produkte, die auf den Feldern liegen gelassen werden, weil sie nicht der Norm entsprechen oder auf Grund von Überproduktion. Es inkludiert auch nicht Produkte, die auf dem Transportweg schlecht oder unverkaufbar werden und auch nicht Überbleibsel vom Buffet oder Restaurant.

denn immerhin fallen im Durchschnitt pro Jahr und Haushalt in Österreich lt. Bundesministerium etwa 19 kg an vermeidbaren Lebensmittelabfällen an*

*Obwohl andere Statistiken von über 220 kg reden (FAO & WWF)!

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Gründe für Lebensmittelverschwendung gibt es viele

  • Qualitäts- und Produktspezifische Ansprüche von Obst und Gemüse im Handel
  • Schlechte Planbarkeit von Ernte
  • Mangelhafte Kooperation mit Logistik
  • Angebots-Politik, wie z.B. Großpackungen, Mengenrabatt, Preisaktionen, die zum Einkauf motivieren
  • Falsche Lagerung im Haushalt (vieles hält sich länger im Kühlschrank)
  • Zu große Portionen im Restaurant
  • Zu Hause: Appetit auf etwas anderes oder aber keine Ahnung was man mit den Sachen im Kühlschrank kochen könnte, zu viel gekauft, den Überblick verloren oder aber es schaut nicht länger appetitlich aus
  • Missverständnis von Mindesthaltbarkeitsdatum oder zu verkaufen bis Datum
  • ……

In einem durchschnittlichen Haushalt wird ein Viertel der eingekauften Lebensmittel weggeworfen. (Quelle: Muttererde)

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Lösungsansätze gibt’s einige, so auch in Österreich.

Einige Ansätze gegen Lebensmittelverschwendung bauen auf Aufklärung, wobei viele der Ansätze dabei auf die Aufklärung der Konsumenten setzen.

Tipps & Tricks für Haushalte:

  • wie z.B. die Initiative Lebensmittel sind kostbar
  • Bessere Lagerung von Lebensmitteln, vieles kann im Kühlschrank gelagert werden
  • Einkaufsliste statt Spontaneinkäufe
  • vorm Neueinkauf, Lager & Kühlschrank auf Vorräte prüfen
  • Mahlzeiten im Voraus planen
  • Lebensmittel einfrieren wenn sich die Pläne ändern
  • Weniger kaufen
  • Spar-Angebote kritisch prüfen (was auch, wie du diesem Video entnehmen kannst, deiner Gesundheit und deinem Gewicht gut tut)
  • MHD richtig verstehen (den Unterschied zum mindestens haltbar bis erfahrt ihr in diesem kurzen Video)

 

Im Durchschnitt wirft ein Haushalt pro Jahr Lebensmittel im Wert von durchschnittlich rund 300 Euro* weg, wobei in den Städten und im Winter mehr weggeworfen wird als auf dem Land und im Sommer. (Quelle: BOKU)

*Obwohl ich diese Zahl für sehr niedrig halte, da z.B. in der UK wöchentlich im Durchschnitt €50 an Lebensmitteln weggeworfen werden.

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Tipps für Gastronomie & Großküchen:

  • wie z.B. die Initiative United Against Waste (UAW)
  • Reduzierung von Lebensmittelabfällen via Weiterverarbeitung
  • Servieren von kleineren Portionen
  • Kleineres Angebot am Buffet (oder aber regelmäßig nachfüllen, statt zu viel auszulegen)

–> denn immerhin werden im Durchschnitt pro Jahr 175,000 Tonnen an vermeidbaren Lebensmittelabfälle kreiiert

Außer Aufklärung und erwünschter Verhaltensänderung bauen Ansätze gegen Lebensmittelreste, – überbleibsel oder abgelaufene Ware darauf auf, dass karitative Einrichtungen Nutzen ziehen und somit armen Menschen oder sozialschwachen Familien geholfen werden kann.

 

Und dann gibt’s noch Initiativen, wie:

  • Foodsharing/Fairteiler, wo jeder übrig gebliebene Lebensmittel, die man sonst wegwerfen würde in öffentlichen zur Verfügung gestellten Kühlschränken oder Regalen teilen kann
  • iss mich!, wo Partnerbetriebe aussortierte regionale Bio-Lebensmittel zur Verfügung stellen, die dann innerhalb der Initiative iss mich! verkocht werden und via Catering und Lieferservice via wiederbefüllbaren Behältern serviert werden.

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Weitergabe von Lebensmittelüberbleibsel an karitative Einrichtungen

In Österreich gibt es etwa 64 karitative, private und kirchliche Organisationen, sowie Sozialmärkte und die Österreichische Tafel, die größte Einrichtung in Österreich, mit über 80 Ausgabestellen.

Diese Organisationen setzen sich gemeinnützig für die über 1 Million armutsbedrohten Menschen, die in Österreich leben, ein. Dabei werden, pro Jahr, von den Sozialmärkten und anderen sozialen, gemeinnützigen Einrichtungen round 9.034 Tonnen Lebensmittel übernommen, verteilt und/oder verkauft, wobei round 8.596 Tonnen (95%) davon als Nahrungsmittel verwendet werden (Quelle: Öster. Ökologie Institute).

Das Team Österreich Tafel (TÖT) bekommt und verteilt etwa 2.090 Tonnen an Lebensmitteln, wovon etwa 1.886 Tonnen (90%) als Nahrungsmittel verwendet werden.

Insgesamt werden in Österreich von allen Sozialmärkten, karitativen Einrichtungen und dem Team Österreich Tafel round 10.482 Tonnen an Nahrungsmitteln verteilt.

Viele Ansätze bauen auf die Weitergabe von nicht mehr verkauftbaren Lebensmitteln an karitative Einrichtungen auf, bei allein von den 5 Marktführenden österreichischen Lebensmitteleinzelhändlern etwa 6.600 Tonnen von Bruch-und Abschreibungen, also nicht mehr verkaufbarer Ware an karitative Einrichtungen & die Tafel weitergegeben werden.

Das macht etwa 55 % der Ware, die z.B. die Tafel & andere karitative Einrichtungen an Bedürftige weitergeben, aus.

Der Rest der gespendeten Ware kommt von Bäckereien, dem Großhandel, landwirtschaftlichen Betrieben und von Firmen in der Lebensmittelproduktion.

Lebensmitteleinzelhändler geben etwa 9% ihrer Lebensmittelreste, also nicht mehr verkaufbaren Ware an karitative Einrichtungen ab

Ist es nicht erschreckend, dass knapp 11.000 Tonnen an Lebensmittel an Notbedürftige weitergegeben werden oder besser gesagt, dass es soo viele Menschen in Wien und Österreich gibt, die darauf angewiesen sind?

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Natürlich habe ich auch jede Menge an Ideen, was man denn vor allem im Haushalt und im Lebensmitteleinzelhandel tun könnte, um Lebensmittelschwendung zu reduzieren, aber das benötigt zum einen ein Umdenken und eine Wertschätzung für Lebensmittel und zum anderen eine Kooperation von der Lebensmittelindustrie, denn deren Profit hängt ja (leider) von unserem Einkauf ab. Ob oder was wir konsumieren ist dabei egal.

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Prävention, genau wie mit unsere Gesundheit sollte das Grunddenken sein:

Prävention von Überproduktion

Aber ich sehe schon die Schlagzeilen:

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Lebensmittelhersteller, Bauern, Fleischer, Bäcker und Co werden gebeten 20 % weniger zu produzieren

Einbüßen in Profiten zu Gunsten unserer Umwelt & Gesundheit

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Wer profitiert?

Warum es unserer Gesundheit zu Gute kommt, erfahrt ihr in diesem Video (leider auf Englisch).

Obwohl man ja eigentlich nicht von Profit reden kann, wenn’s nicht verkauft wird. Die einzigen, die vielleicht profitieren sind die Lebensmitteleinzelhändler, denn die inkludieren etwaige Verluste in ihrer Preisgestaltung.

Und ja, unsere Umwelt würde immens profitieren: Eine Reduzierung von Lebensmittelabfällen, also besser gesagt eine Reduzierung von Überproduktion an Lebensmitteln reduziert etliche

  • Millionen Tonnen an Treibhausgasen (CO2)
  • km² an landwirtschaftlicher Fläche und
  • Million m³ an Wasser!

Also hier habt ihr es, ein kurzer Überblick zum Thema Lebensmittelverschwendung in Österreich.

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FAZIT

Natürlich geht Lebensmittelverschwendung mit etabliertem Verhalten, Gewohnheiten und gesellschaftlichem Konsumverhalten einher. Und eine Lösung für alle zu finden, wird nicht einfach sein. Im Moment gibt es 4 „Lösungen“ gegen Lebensmittelverschwendung:

  • Lebensmittel sind kostbar –> Bewusstseinsbildung der Kosumenten
  • United against waste –> gegen Lebensmittelverschwendung in der Gastronomie & den Großküchen
  • Foodsharing –> Verteilersystem mit öffentlichen Kühlschränken
  • Lebensmittelweitergabe an soziale/karitative Einrichtungen

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Meiner Meinung nach haben wir im Moment ein Lebensmittelverschwendungs-Problem mit einer Lebensmittelverschwendungs-Pflaster Lösung

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Der wahre Grund der Verschwendung, der ja eigentlich auf einer geplanten Überproduktion zurückzuführen ist, und das schon seit 50 Jahren, wird NICHT adressiert.

Zudem wird auch nicht das Thema Werbung, Sparangebote oder Überangebot an Waren im Lebensmitteleinzelhandel adressiert.

Nirgends findet man Lösungsansätze für den gehetzen Berufsalltag, den gesellschaftlichen Wandel, dass Lebensmittel ständig im Mittelpunkt stehen oder den Konsumrausch gekoppelt bei vielen mit der „Geiz ist geil“ Mentalität.

Lösungsansätze für die Überproduktion von Brot und Backwaren gibt es auch nicht.

Aber natürlich gibt es zu jedem Problem eine Lösung….vielleicht muss das Wegwerfen oder die Entsorgung von Lebensmitteln teurer werden, also die Vermeidung von Überproduktion. Vielleicht müssen wir lernen, weniger Auswahl und leerere Regale zu schätzen.

 

Denn kann es wirklich sein, dass ein Bäcker schon im Voraus weiß, dass 30% seiner täglichen Backwaren am Ende des Tages weggeworfen werden, als Tierfutter enden oder im Verbrennungsofen landen?

 

Würde mich freuen zu hören, wie ihr über Lebensmittelverschwendung denkt, ob ihr euer Verhalten verändert, bewusster werdet or….?

Veröffentlicht in Ernährung und verschlagwortet mit , .

4 Kommentare

  1. Vielen Dank für den Beitrag zur Lebensmittelverschwendung. Mein Neffe die Isolierung für seinen Kühltransporter erneuert und der Lebensmittelverschwendung in seinem Ort den Kampf angesagt, indem er Lebensmittel sammelt und an Bedürftige weiter gibt. Gut zu wissen, dass Lebensmittelverschwendung eingedämmt werden könnte, indem deren Entsorgung noch mehr kosten würde.

    • Finde ich toll! Es braucht mehr Menschen mit dem Bewusstsein und Willen, denn wir alle können etwas tun und gemeinsam, wie wir wissen, sind wir stark!
      Danke fürs Zeitnehmen, Lesen und Kommentieren…ich hoffe, dass wir in naher Zukunft in Österreich bessere Schlagzeilen zum Thema Lebensmittelverschwendung finden.

  2. Es ist echt traurig zu erfahren wie viel Essen hierzulande weggeworfen wird. Vielen Dank für diesen aufklärenden Blog und auch die möglichen Lösungsansätze, wie die Bewusstseinsbildung beim Konsumenten. Ich kann mir auch vorstellen, dass durch guten Kühltransport weniger Essen schlecht wird.

    • Danke Larissa. Und ja, ein ungebrochener (durchgehend gewährleisteter) Kühltransport kann auch zur Reduzierung beitragen und wird erleichtert, wenn wir eher lokale Lebensmittel zu uns nehmen, die dann nicht so weit transportiert werden müssen, was dann auch wieder der Umwelt zugutekommt. Es gibt m.M. nach noch viel zu tun.

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